Herausforderungen bei der Behandlung von Menschen mit Adipositas – Welche politischen Rahmenbedingungen braucht Deutschland?
Adipositas ist heute weithin als komplexe chronische, rezidivierende Erkrankung anerkannt, die eine ganzheitliche und langfristige Behandlung erfordert. Auf politischer Ebene besteht allerdings dringender Handlungsbedarf, um die Therapie von Menschen mit Adipositas zu sichern. Oliver Martini, Gesundheitsökonom und Experte für den Bereich Adipositas bei Johnson & Johnson, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Krankheitsbild und den damit verbundenen politischen Rahmenbedingungen. Im Interview erklärt er, was die Politik plant, welche Herausforderungen bestehen und was unbedingt getan werden muss, damit Patient:innen langfristig geholfen wird.
Warum ist Adipositas kein “Lebensstilproblem außerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung”, sondern eine ernstzunehmende Krankheit?
Oliver: Übergewicht und Adipositas sind nachweislich Auslöser von mehr als 60 Folge- und Begleiterkrankungen – darunter chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus Typ II und Krebserkrankungen. In Deutschland sind ¼ der Erwachsenen von Adipositas betroffen. Ca. 12,3 Mio. Menschen mit Adipositas haben bereits eine Begleiterkrankung. Nach Berechnungen der OECD entfallen 10,7% der Gesundheitsausgaben in Deutschland auf die Behandlung von Adipositas assoziierter Erkrankungen. Es bestehen jedoch große Versorgungslücken, so dass Patient:innen nicht immer die für sie bestmögliche Therapie erhalten.
Was wird aktuell getan, um die Versorgungslücke zu schließen?
Oliver: Es hat lange gedauert und letztlich die Initiative einzelner politischer Akteure gebraucht, um der Herausforderung Adipositas das notwendige politische Gewicht zu geben. Mit der Nationalen Diabetes Strategie wurde im Juni 2020 Adipositas als chronische Krankheit vom Bundestag anerkannt und das Versorgungsdefizit klar benannt. Bereits ein Jahr später wurde dem G-BA (Gemeinsamen Bundesausschuss) vom Bundestag der gesetzliche Auftrag erteilt, binnen 24 Monaten ein „Disease Management Programm (DMP) Adipositas“ zu entwickeln, um die bestehenden Versorgungslücken zu schließen.
Wie sollte die Ausgestaltung des DMPs im besten Fall aussehen?
Oliver: Der Ansatz der Politik war, eine bedarfs- und stadiengerechte Therapie über ein DMP sicherzustellen. Das DMP soll dabei eine Abstimmung der einzelnen Leistungserbringer in der multimodalen Therapie sicherstellen.
Der Gesetzgeber hat in seiner Begründung zum GVWG (Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung) sehr gut die Elemente einer leitlinienkonformen Therapie und damit eines DMPs beschrieben. Diese umfasst die individuelle und Gruppentherapien, ergänzende pharmakologische Therapien und die bariatrische Chirurgie mit postoperativer Langzeittherapie.
So könnte eine bedarfs- und stadiengerechte Versorgung von Menschen mit Adipositas sichergestellt werden und mittel- und langfristig auch die Kosten der GKV gesenkt werden.
Wo sehen Sie aktuell Hürden zur bestmöglichen Umsetzung der Vorhaben der Bundesregierung?
Oliver: Dem G-BA liegt eine exzellente Leitliniensynopse des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) vor, auf dessen Grundlage die einzelnen Leistungen durch den G-BA definiert werden können.
Es scheint in der Selbstverwaltung jedoch die Ansicht zu geben, dass nur bereits in der GKV bestehende Leistungen, Bestandteil eines DMP werden können. Neue Leistungen oder eine Ausweitung der Leistungen wären nicht möglich. Anstatt das bestehende Versorgungsdefizit festzuschreiben, sollte der G-BA dem klaren gesetzlichen Auftrag folgen und Schritte zur Aufnahme fehlenden Leistungen ergreifen.
Die bariatrische Chirurgie wird von Krankenkassen immer noch als Ultima Ratio Therapie an einem gesunden Organ gesehen. Ist diese Perspektive noch zeitgemäß?
Oliver: Nein, denn die Perspektive hat sich heute gewandelt. Die Wissenschaft sieht den Magen bei Adipositas nicht mehr als gesundes Organ. Es gehen vielmehr fehlgesteuerte Stoffwechselprozesse von ihm aus, die durch den operativen Eingriff korrigiert werden.
Große randomisierte klinische Studien konnten bei einer morbiden Adipositas (BMI ≥40 kg/m² und/oder Komorbiditäten die Überlegenheit der Adipositaschirurgie gegenüber der konservativen Therapie nachweisen. Bestandteil des chirurgischen Therapiepfads sollten vor und nach dem Eingriff auch konservative Therapiemodule sein, die helfen das Ess- und Bewegungsverhalten anzupassen. Die ergänzende operative Therapie führt nicht nur zu Gewichtsverlust, sondern auch zu einem Rückgang der Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 und einer Verlängerung des Lebens.
Trotz der überlegenen Evidenzlage wird den Menschen mit morbider Adipositas der Zugang zur operativen Therapie verwehrt, so dass Leistungen der bariatrischen Chirurgie in Deutschland im internationalen Vergleich selten erbracht werden. Es besteht also dringender politischer Handlungsbedarf, denn Patient:innen sollten die bestmögliche Therapie zur Verfügung stehen, davon profitieren sie und die GKV.
Referenzen
- Bray GA [2017] Obesity: a chronic relapsing progressive disease process. A position statement of the World Obesity Federation. Obes Rev. 2017 Jul;18(7):715-723
- Hauner, H [2013] Therapie von Adipositas. Positionspapier des Kompetenznetzes Adipositas, Adipositas 2013; 7: 148–149
- “The heavy burden of obesity” (2019) OECD Health Policy Studies [Preprint]. Available at: https://doi.org/10.1787/67450d67-en.
- Klein, S. et al. (2016) Weißbuch Adipositas Versorgungssituation in Deutschland: Gutachten FÜR Johnson &; Johnson medical GmbH. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
- Prof. Dr. Huster, S., Prof. Dr. Sharma, A. and Prof. Dr. Otto, M. (2022) Gutachten zum Anspruch auf Leistungen der bariatrischen Chirurgie Rechtsfragen und ethische Aspekte. AG Adipositas des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed).